veröffentlicht am 25. April 2013 in Erfahrungsberichte Depression von

Warum verhalte ich mich so? Warum bin ich so?
Wenn ich zurückblicke, dann ist das Lügen und die Schönrederei eine Überlebensstrategie aus meiner Kindheit, in der ich keinem erzählen wollte, wie es zu Hause bei mir ist und wie ich mich fühle. Ich habe damals mit einer alkoholkranken Mutter und einem auch Alkohol trinkenden Vater leben müssen, der sowieso nie da war. Morgens früh zur Arbeit, nachmittags nach Hause kommen, umziehen, in den Garten fahren und da nebenbei schon was trinken, anschließend noch ins Koloniehaus und betrunken oder mindestens angetrunken nach Hause kommen. Meine Mutter hat meistens morgens immer schon getrunken und ihre Tasse und die Weinpackungen versteckt, aber ich habs natürlich nach der Schule gemerkt und meinen Vater oft telefonisch vorgewarnt. Ich konnte es eigentlich nicht mal meinen Großeltern erzählen, die es wissen sollten. Andauernd musste ich lügen, verheimlichen, vertuschen usw., es hat bis dato funktioniert. Ich habe gelernt, dass ich mich so nicht mit den Konflikten beschäftigen muss. Mittlerweile habe ich das Verhalten komplett abgelegt, ich habe gemerkt, dass es wundervoll ist in einer Beziehung ehrlich und offen zu reden, sich seinen Problemen zu stellen und dabei zu merken, dass es auch schön sein kann, wenn man diese erledigt.
Aufgekommen ist in all dem Schreiben auch, dass ich eine Fassade nach außen habe, ich lache, wirke selbstsicher und souverän, heiter, immer einen lockeren Spruch. Doch das bin nicht immer ich. Tag für Tag habe ich überall nach Anerkennung und Wertschätzung gesucht, mich dafür verdammt, wenn ich das nicht bekommen habe, was ich wollte und mich dann auch selbst klein geredet. Diese Selbstkritik habe ich noch heute. In Beziehungen mehr Aufmerksamkeit zu suchen und Kuscheln nicht zu bekommen, haben mich oft aus meiner Laune gerissen und ins Grübeln gebracht. Zur Zeit kann ich gut damit umgehen, genieße die guten Momenten und kann vieles schon aus einer anderen Sicht sehen. Gelernt habe ich auch, dass die Beziehung trotzdem intakt ist und ich nicht mehr fordern muss.
Dazu stolper ich natürlich über mein eigenes Wohlbefinden. Ja, ich habe eine Essstörung, wenn man es genau nimmt. Ich muss mich zum Essen ermahnen, weil ich mich zu dick und hässlich fühle. Ich würde hungern, damit ich wieder mein Traumgewicht erreiche und den Wohlfühlfaktor finde. Auch das ist ein Punkt, der die Grübelei in den Kopf ruft und die Laune schlagartig ändern lässt. Teilweise funktioniert es, teilweise ist es aber auch noch eine Überwindung schwimmen zu gehen, sich nackt zu sehen und wahrzunehmen. Sicher bin ich mir der gesundheitlichen Risiken bewusst, wenn ich einfach hungern würde, deshalb passiert es nicht, aber der Gedanke schleicht sich ein. Manchmal auch als Bestrafung, wenn ich merke, dass ich wieder mal nicht “so toll” war und Fehler gemacht habe. Auch hier kann ich auf Hänseleien und dumme Sprüche aus der Kindheit zurückgreifen, als ich aus Frust gegessen habe und meine Eltern und Großeltern mich damit permanent konfrontiert haben, wie dick ich doch bin.

Sicher gibt es da noch mehr Auslöser, Faktoren und Probleme, aber ich wills erstmal dabei belassen.

Die Therapie in der Tagesklinik hat mir auf jeden Fall gezeigt, dass ich mich nicht unter Druck setzen muss. Der Druck allein erzeugt schon wieder die Verhaltensmuster und vor allem die Enttäuschung über sich selbst. Ich habe gelernt geduldig zu sein, mich besser wahrzunehmen und mitzuteilen. Ich habe damals das Reden komplett eingestellt, heute kann ich offen und vernünftig über positive und auch belastende Sachen reden. Wie wertvoll das ist, habe ich nie gesehen. Das wichtigste der letzten Wochen aber für mich ist der Weg zum “inneren Kind” und meinen verletzten Gefühlen. Erst habe ich das noch müde belächelt und nicht richtig verstanden, aber es gab am Montag einen aufhellenden Moment. Im Gruppengespräch habe ich beim Thema Eltern gekränkt, wütend, enttäuscht, traurig und patzig reagiert. Kurz danach im Einzelgespräch konnte ich aber schon wieder analytisch und aus anderer Sicht normal antworten und erkennen. Die ausbrechenden Gefühle sind also mein Kind, der Rest der Erwachsene. Ich möchte nun noch lernen, diese Gefühle auch gezielt ausleben zu dürfen und diese auch bewusster wahrzunehmen. Welchen Weg ich da wähle, weiß ich noch nicht. Ein Brief an das Kind in solchen Situationen dürfte nicht verkehrt sein, aber ich darf es ausleben und muss es nicht unterdrücken.

Momentan kann ich auch sagen, dass 16 Wochen normal nicht ausreichend sind. In den ersten 4 Wochen kommt man an, lernt sich und die anderen kennen, öffnet sich ein wenig und hat kleine Aha-Effekte. Der eigentliche Prozess fängt aber oft nach der Halbzeit an. Ich habe da dann die Zusammenhänge erkannt, andere Perspektiven bekommen und mehr Übungen für mich, damit ich das besser reflektieren kann, was da mit mir passiert. Jetzt, wo nur noch 2 Wochen sind, habe ich – bis auf ein paar kleine – die Schubladen geöffnet und mein Kreis der Probleme hat sich geschlossen. Mein Weg wird danach noch nicht zu Ende sein, aber ich habe erkannt, wie gut es gehen kann, wenn ich weiter an mir arbeite und aufarbeite, bewusst erkenne und wahrnehme, nicht mehr so selbstkritisch bin und Dinge nehme, wie sie sind.


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7 Kommentare

Habe diese Blog gerade gelesen und einige AHA – Erlebnisse gehabt. Vielleicht finde ich hier ein bisschen unterstützung:

Ich habe ihm frühjahr einen verheirateten Mann kennengelernt. Die ersten Monate waren unglaublich schön und er war wunderbar zu mir. Er hat mir erzählt, dass er sich scheiden lassen will und das habe ich ihm auch geglaubt. Er hat mich aber insofern angelogen, als dass er sagte, dass er mit einem Freund Urlaub fährt, tatsächlich war er mit seiner Frau. Ich habe ihn auch immer danach gefragt und er hat es immer bestritten. Bis er es vor kurzem eingestanden hat.
Seit drei Monaten ist sein Verhalten komplett verändert. Er war sehr zurückgezogen hat treffen abgesagt aber immer wieder beteuert, dass er mich liebt.
Er ist bei seiner Frau ausgezogen und war für 14 Tage bei mir, danach ist er bei mir wieder ausgezogen, weil er immer gesagt hat, es war nicht richtig in “diesem Zustand” zu mir zu kommen. Er behauptet nun er wohnt bei seinen Eltern ,was definitiv nicht stimmt. Ich weiss dass er wieder bei seiner Frau wohnt, obwohl beide mittlerweile schon Anwälte für die SCheidung haben.
Er und mittlerweile auch ich wissen, dass er eine schwere Depression hat. Seine Kindheit und auch der Zustand seiner Eltern (Alkoholiker und Depressiv) sind sehr schwierig. Offensichtlich war er nun das erste mal bei einem Psychiater. Bedauerlichweise redet er momentan mit mir nicht über seine Probleme, bwz. über seinen Zustand.
Da ich noch immer glaube, dass er mich liebt und ich ihn auch, möchte ich ihn so gut als möglich unterstützen, damit es ihm wieder besser geht.

Es gibt nur zwei Problem:
Er lässt mich momentan nich an sich heran
Er streitet ab, dass er bei seiner Frau lebt und ich weiss nicht woran ich bin (Es ist zwischen den Beiden schon so viel vorgefallen, dass es nahezu ausgeschlossen ist, dass sie es nochmal schaffen. Sit hat ihn sogar vor drei Wochen angezeigt; außerdem glaube ich, dass er auch nicht die Kraft hat)

Als ich den Blog gelesen habe, habe ich geglaubt, das hätte er selbst schreiben können. Auch er erfindet immer Lügen um den Weg des geringsten Widerstand zu gehen.

Hat jemand einen Rat?

ich habe den blog mit sehr viel interessen gelesen. ich befinde mich in einer ähnlichen situation, wenn auch nur als angehörige. mein freund hat mir vor ein paar wochen gestanden, dass er depressionen hat und das schon seit längerem. sie würde auch aus der kindheit herrühren. für mich war es kein grund ihn zu verlassen und das habe ich ihm auch deutlich gemacht. dennoch ist es so, dass gerade was über das lügengerüst gesagt wird, für mich der ausschlaggebende faktor war, die beziehung dann doch vor ein paar tagen zu beenden. von beginn an war die beziehung von unruhe geprägt und es gab immer dieses grundgefühl, dass da mehr ist, das dinge nicht gesagt werden. immer ein gefühl von unklarheit. wollte ich diese reinbringen gab es vorwürfe und abblockende reaktionen. häufig hat er bei unstimmigkeiten den spieß umgedreht und mich für alles verantwortlich gemacht. das auch er mit seinem verhalten einen beitrag zu gewissen situationen leistet und es mir dadurch schwerer macht, sieht er nicht oder will er nicht sehen. ich frage mich ob es tatsächlich so ist, dass verständnis nichts bringt in solch einem fall und ob der schlussstrich die einzige alternative ist? mein anliegen war es nie es zu beenden, doch sind lügen und verschleierungen und kein wille für eine vernünftige kommunikation und ein aufeinander zugehen einfach nicht tragbar. ich hätte ihm schon gerne helfen wollen, doch komme ich durch dieses lügengerüst nicht durch, er blockt alles ab und hat immer eine ausrede parat oder einen spruch mit dem er mich verletzt. er macht alles um von seinen fehlern, verhalten oder möglichen schwächen abzulenken, und wenn es eben heisst mich umso mehr zu verletzen. ich würde mich wirklich über jeden rat freuen mit all dem besser umgehen zu können und einfach zu verstehen.

Hallo,

entschuldige die etwas verspätete Antwort. Ich bin zur Zeit im Prüfungsstress und schaue daher nur alle paar Tage rein.

Es ist eine wirklich schwierige Situation. Ich kann dich gut verstehen. Ich kann mir auch seine Reaktionen (keine Schwäche zeigen, nicht Schuld sein…) ganz gut vorstellen. Eventuell macht er dies, weil er Probleme mit seinem Selbstvertrauen hat. Doch es wird wohl noch wesentlich mehr dahinter stecken.

Wie du da jetzt ran gehen sollst, kann ich dir leider nicht sagen. Meine Idee wäre es, eine Therapeutin aufzusuchen, eventuell hat sie Erfahrungen mit diesem Verhalten und kann dir gute Tipps geben.

Ich werde diesen Beitrag nochmal in den Social Networks teilen, vielleicht kann ein Leser etwas dazu schreiben.

LG
Dennis

Hey Melli,

ich bin der, der die Erfahrung verfasst hat und ich kann dir sagen, dass es keinen grundlegenden Rat gibt. Leider. Du kannst es wie meine Partnerin machen und durchhalten, oder auf dich selbst hören und die Grenzen abstecken. Beides kann und darf da richtig sein. Nur du kannst die Entscheidung für dich treffen, denn der Rest muss von deinem Partner kommen. ER muss für sich die Einsicht entwickeln, dass er etwas tun muss und dagegen tun möchte. Das kann ihm keiner abnehmen. Vielleicht muss er tief fallen, damit er es merkt. Vielleicht aber auch nur. Vielleicht kommt er auch einfach nicht aus seiner Welt raus, weil das “schöne Leben” so unwirklich und fremd ist. Aber auch nur vielleicht.

Es gibt ein Interview mit Meiner Frau. Sie hat es ausgehalten. Und es gab nur noch das Gefühl “Liebe”. Nicht mehr, nicht weniger.
http://verbockt.com/2013/11/herr-b-fragt-1/

Es gibt Alternativen, aber die kosten dich enorm Kraft. Klär für dich ab, ob und was du willst. Was du bereit bist zu investieren und rechne damit, dass du enttäuscht wirst. Erst dann, wenn du die Antworten kennst, solltest du ihm den Raum in deinem Leben geben.

Ich wünsch dir Kraft und Mut dabei.

Grüße
Herr Bock 

Vielen Dank für die schnelle Reaktion!

Grüße!

Vielen dank für die beiden antworten. da er mich momentan komplett meidet und ich auch nicht weiß, ob sich das jemals wieder ändern wird, habe ich ihm den reflektionsreport und auch das interview in englische übersetzt, damit er es lesen kann. vielleicht tut er das eines tages, vielleicht hilft es, gibt ihm mut und das wissen, dass ich nicht aus boshaftigkeit gehandelt habe, sondern ihm im grunde beistehen will. vielleicht bewirkt es was gutes. Er ist sich über seine krankheit zumindest bewusst, was ich schon mal als positiv sehe. und kurzzeitig (5 wochen) in therapie war er im letzten jahr, so sagte er es mir. angeblich hatte er vor einigen wochen wieder mit einer therapie begonnen, da wir eigentlich in ein paar monaten zusammenziehen wollten und er vorbereitet sein wollte. ob das stimmt, ich weiß es nicht.

Freut mich, wenn wir dir etwas weiterhelfen konnten. Ich wünsche dir alles Gute!

LG
Dennis