veröffentlicht am 17. März 2013 in Depression und Angststörung von

Depression verstecken…

Die Krankheit Depression ist in der breiten Öffentlichkeit leider immer noch nicht richtig anerkannt. Viele Menschen wissen nicht, wie schlimm eine Depression auf die Betroffenen wirkt und wie quälend der Krankheitsverlauf einer Depression sein kann. Zudem haben es Menschen, die von einer Depression betroffen sind, im Berufsleben oft schwerer als andere. Auch wenn dies kein Unternehmen so recht zugeben möchte. Auch im Familien- und Freundeskreis ist es nicht einfach zu der Depression zu stehen. Doch ist dies ein Grund seine Depression zu verstecken? Früher dachte ich das, doch ich habe meine Meinung geändert. Trotzdem sollte es dennoch jeder selbst für sich entscheiden und jeder sollte die Entscheidung akzeptieren.

 

Depression im Berufsleben verstecken

Meiner Meinung nach liegt es auf der Hand, dass Menschen, die unter einer Depression leiden, es im Berufsleben deutlich schwerer haben. Ich weiß auch, dass es sehr viele Menschen gibt, die ihre Depression am Arbeitsplatz nicht ansprechen und verstecken. Man kann es ihnen auch nicht verübeln, denn niemand weiß, wie die Kollegen oder Vorgesetzten reagieren. Vielleicht ist es im Moment sowieso etwas angespannt am Arbeitsplatz. Es kann auch gut sein, dass es Kollegen gibt, die nur auf eine Schwäche warten um jemanden bloß zu stellen. Deshalb darf man es Menschen nicht übel nehmen, wenn sie ihre Depression verstecken um nicht noch mehr Probleme oder Belastungen zu bekommen. Ein weiteres heikles Thema sind Vorstellungsgespräche. Hierzu möchte ich von einem meiner Vorstellungsgespräche berichten.

Es war im vergangenen Jahr im Dezember. Ich hatte eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch bei einem Baustoffhändler. Bei dem Gespräch waren vier Personen anwesend: zwei Senior-Chefs, der Junior-Chef und ich. Ich verspürte von Anfang an ein eher komisches, bedrückendes Gefühl als ich den Raum betrat. Es schien ein sehr grelles Licht und der Raum war alles andere als freundlich eingerichtet. Nach einer kurzen Vorstellung musste ich meine Mathefähigkeiten unter Beweis stellen, d.h. ich musste den Herren einige Aufgaben vorrechnen. Es war sehr ungewohnt vor so vielen Augen, die auf meinen Zettel starrten, zu rechnen. Trotzdem habe ich die Aufgaben bis auf zwei kleine Schwierigkeiten ganz gut gemeistert. Nach den Matheaufgaben kam es zu dem eigentlichen Vorstellungsgespräch. Das Wort führte der Junior-Chef, dieser hatte meine Bewerbungsmappe in der Hand und sagte, ich solle etwas über mich erzählen. Ich nannte ihm meine bisherigen beruflichen Stationen und erzählte etwas über meine Interessen und Ambitionen. Zwischendurch wurde ich immer wieder unterbrochen, da einer der drei Chefs eine Frage an mich richtete. Am Ende des Gesprächs kam der Junior-Chef auf meine Eltern zu sprechen. Ich sprach über den Beruf meines Vaters und erwähnte, dass meine Mutter verstorben ist. Sofort unterbrach mich einer der Senior-Chefs und fragte, warum meine Mutter schon verstorben sei. Ich weiß, ich hätte nicht darauf antworten müssen, auch hätte ich nicht ehrlich antworten müssen. Doch ich brauchte den Job und wollte ehrlich sein. Schließlich antwortete ich, dass meine Mutter schwere Depressionen hatte und sich leider das Leben genommen hat. Ich sah das Erschrecken in den Gesichtern. Im ersten Augenblick war mir nicht ganz klar, ob die Herren über den Suizid meiner Mutter geschockt waren oder ob sie mögliche Fehltage meinerseits befürchteten. Diese Frage wurde mir jedoch schnell beantwortet. Zeitgleich fragten mich die Senior-Chefs, ob ich auch unter einer Depression leide und ob ich oft krank sei. Somit war mir klar, dass es um die möglichen Fehltage ging. Das Gespräch entwickelte sich zu einem Kreuzverhör und ich versuchte zu retten, was nicht mehr zu retten war. Ich muss eingestehen, ich habe in diesem Kreuzverhör nicht zugegeben, dass ich unter einer Depression leide und habe meine Krankheit somit auch versteckt. Ich wurde immer unsicherer, begann zu schwitzen und wurde innerlich sehr nervös. Mein Bein zappelte unter dem Tisch auf und ab und ich sehnte das Ende herbei. Nach weiteren 15 Minuten war es dann geschafft. Wir verabschiedeten uns und ich ging zu meinem Auto und fuhr nach Hause. Nach drei Wochen bekam ich eine Absage von diesem Unternehmen…

Dieses Gespräch hat bei mir Spuren hinterlassen. Ich habe es mit Ehrlichkeit versucht und am Ende habe ich meine Depression doch wieder versteckt.

 

Depression vor der Familie verstecken

Auch im familiären Umfeld kann es dazu kommen, dass eine Erkrankung an einer Depression verspottet, nicht akzeptiert oder verharmlost wird. Deshalb fühlen sich viele Betroffene auch hier dazu gezwungen ihre Depression zu verstecken. Besonders schlimm ist es auf Familienfeiern, hier kommen alle zusammen, es wird viel erzählt und natürlich auch gefragt. Es kann sehr schnell zu lästigen Fragen kommen. Alles in Ordnung? Wie geht es dir? Wie läuft es auf der Arbeit? Um weitere Fragen zu vermeiden ist es für Betroffene von großer Bedeutung ihr schauspielerisches Talent voll auszuschöpfen. Es wird die Maske aufgesetzt, gegrinst und ein künstliches Lächeln erzeugt, Hauptsache niemand bemerkt das Stimmungstief, die Traurigkeit oder Niedergeschlagenheit.

 

Depression im Freundeskreis und beim Sport verstecken

Auch im Freundeskreis ist eine Depression oft ein Tabuthema. Deshalb neigen viele Betroffene auch hier dazu ihre Depression zu verstecken. Das Gleiche gilt beim Sport, gerade bei Mannschaftssportarten ist es schwierig, offen über seine Probleme zu sprechen. Es soll keine Schwäche gezeigt werden, zudem ist nie sicher wie andere darauf reagieren und ob es wirklich im Mannschaftskreis bleibt oder nach außen getragen wird.

 

Die Depression zu verstecken kostet viel Kraft

Wer seine Depression langfristig verstecken möchte, muss sehr viel Kraft dafür aufbringen. Ich weiß wovon ich spreche. Es ist verdammt schwierig am Arbeitsplatz, in der Familie und auch beim Sport seine Depression zu verstecken und verschleiern. Alles geht eine Zeit lang gut, doch es kostet brutal viel Kraft.

 

Ich lerne zu meiner Depression zu stehen

Ich habe sehr lange gebraucht, bis ich zu meiner Depression stehen konnte. Anfangs habe ich versucht mit aller Macht meine Depression zu verstecken, es lastete ein ungeheurer Druck auf mir. Keiner sollte es wissen, niemand durfte etwas ahnen oder nur den kleinsten Verdacht schöpfen. Ich war angespannt, konnte nicht mehr richtig schlafen und kaum noch Leistung bringen. Hinzu kam dieses ständige Grübeln. Ich fragte mich, was passiert wenn es jemand erfährt und wie gehe ich vor damit es keiner mitbekommt?  Irgendwann konnte ich diesem Druck nicht mehr standhalten, ich beschloss meine sportlichen Aktivitäten herunter zu fahren um die Kraft für das Verstecken meiner Depression zu verwenden. Dies ging natürlich nicht von Heute auf Morgen, denn ich wollte meine damalige Mannschaft nicht im Stich lassen und natürlich sollte keinem auffallen warum ich mich zurück zog. In dieser Zeit habe ich viele soziale Kontakte abgebrochen und mich weiter vom öffentlichen Leben zurück gezogen. Ende letzten Jahres habe ich mich dazu entschlossen ehrlich zu mir und allen anderen zu sein und offen mit meiner Depression umzugehen. Das Vorstellungsgespräch war eine wirkliche Herausforderung für mich. Dort hatte ich es noch nicht ganz geschafft zu der Krankheit Depression zu stehen, aber ich hatte es versucht. In den vergangenen Monaten hat sich bei mir viel getan, ich habe mich zu einer erneuten Therapie entschieden und schaffe es immer öfter zu meiner Depression zu stehen. Ich mache in Gesprächen immer noch die Erfahrungen, dass viele Menschen sich unter der Krankheit Depression nichts vorstellen können und auch nicht nachempfinden können, wie es Betroffenen ergeht. Die Menschen verstehen nicht wie es sein kann, dass ich unter einer Depression leide. Doch es gibt auch wirklich positive Erfahrungen und Aussagen, die mir zeigen, dass mein Weg in die Öffentlichkeit der richtige Weg ist. Zudem ist es ein gutes Gefühl, dass ich meine Depression nicht mehr ständig verstecken muss, sondern immer öfter dazu stehen kann. Es spart eine Menge Kraft und ich bin dabei zu lernen mit meiner Depression zu leben. Trotzdem kann ich alle, die ihre Depression verstecken, gut verstehen, schließlich kann viel davon abhängen. Bei mir war es auch ein langer Weg, bis ich so offen über meine Krankheit sprechen konnte. Trotzdem bin ich froh, dass ich diesen Weg gegangen bin.


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