veröffentlicht am 23. Februar 2016 in Pflanzliche Heilmittel/ Antidepressiva von

Selektive Serotonin Wiederaufnahmehemmer (SSRI)

Selektive Serotonin Wiederaufnahmehemmer, kurz SSRI (Selective Serotonin Reuptake Inhibitor), sind neuartige Psychopharmaka, die als Antidepressiva Verwendung finden und den Serotoninstoffwechsel des zentralen Nervensystems im Gehirn beeinflussen.

Wenn eine Depression diagnostiziert wird, also tiefe Niedergeschlagenheit und Antrieblosigkeit vorherrschen, liegt häufig ein Mangel an wichtigen Monoaminen im zentralen Nervensystem vor. Monoamine sind Botenstoffe (Neurotransmitter) wie Serotonin und Noradrenalin. Serotonin sorgt beim Menschen durch die Stimulation bestimmter Areale der Großhirnrinde für eine stimmungsaufhellende Wirkung und ist für die Regulierung von Emotionen zuständig. Es wird landläufig als “Glückshormon” bezeichnet und vermittelt mentale Zustände von Zufriedenheit und kann Sorgen, Angst sowie Aggression vermindern. Im Falle einer mittelgradigen bis schweren Depression wird meist davon ausgegangen, dass zu wenig freies Serotonin im sogenannten synaptischen Spalt des zentralen Nervnsystems wirkt.

 

Wirkung und Behandlung – Selektive Serotonin Wiederaufnahmehemmer SSRI

Hier setzt die Behandlung mit den SSRI an: Sie verhindern, dass der freigesetzte Botenstoff Serotonin wieder in seine ursprüngliche Nervenzelle eintreten kann und dort deaktiviert wird. Für das Verständnis wird etwas Grundlagenwissen benötigt: Nervenzellen kommunizieren miteinander, indem sie mithilfe von Neurotransmittern Signale weitergeben. Zunächst erfolgt eine Ausschüttung dieser Botenstoffe, die über die Nervenendigung (Präsynapse) aus der Nervenzelle heraus in den “synaptischen Spalt” eintreten. Dieser bildet den Zwischenraum zweier Nervenzellen und stellt den aktiven Wirkungsbereich der freien Botenstoffe dar, wo die Signalweitergabe an die nächste Nervenzelle erfolgt. Im weiteren Prozessverlauf nimmt die Nervenzelle, welche den Botenstoff freigesetzt hatte, ihn teilweise auch wieder auf. Er kehrt in sein ursprüngliches Depot zurück und bleibt während der Verweildauer in seiner Ursprungszelle inaktiv.

Wie kann durch den Einsatz der selektiven Serotonin Wiederaufnahmehemmer eine Depression behandelt werden? Die SSRI setzen intervenierend am Stoffwechsel der Transportproteine für das Serotonin an und hemmen diesen. Die Serotonin-Transporter sind als Proteine der Zellmembran verantwortlich für den Transfer des Neurotransmitters Serotonin zurück in die Zelle, wo seine aktive Wirksamkeit endet.

Der selektive Serotonin Wiederaufnahmehemmer verhindert nun gezielt mithilfe eines Täuschungsmanövers die Wiederaufnahme des Serotonins aus dem synaptischen Spalt in seine Speicherzellen: Er kopiert die Zellen, an denen normalerweise der Botenstoff Serotonin andockt, indem er in seiner Oberflächenstruktur das Serotonin nachbildet. So gelingt es ihm, an die Speicherzellen des Serotonins zu binden und damit die Andockstellen für das Serotonin, die Rezeptoren, zu blockieren.
Das im synaptischen Spalt verbleibende Serotonin entfaltet daher weiter seine stimmungsaufhellende Wirksamkeit. Ein Absinken der Serotonin-Konzentration in der Gewebsflüssigkeit des Gehirns wird auf diese Weise verhindert.

Im Gegensatz zu den Antidepressiva früherer Generationen wirken selektive Serotonin Wiederaufnahmehemmer gezielt – selektiv – auf das Serotonin und beeinflusst andere Monoamin-Transporter kaum. Der Stoffwechsel weiterer Botenstoffe bleibt weitgehend unbeeinflusst. Somit tangiert der selektive Serotonin Wiederaufnahmehemmer die übrigen Regelmechanismen des Gehirns nur wenig und gilt dadurch als vergleichsweise nebenwirkungsarm.

Indikationen für SSRI sind vor allem mittlere bis schwere Depressionen. Die depressive Phase kann dabei einmalig auftreten oder als rezidivierende depressive Episode einen wiederkehrenden Charakter annehmen. Mittlerweile wurden die Anwendungsgebiete erweitert auf die medikamentöse Behandlung von Zwangs- und Angststörungen sowie des Posttraumatischen Syndroms. Darüber hinaus mehren sich die Anzeichen für eine mögliche Verbesserung bei klimakterischen Beschwerden, beim prämenstruell-dysphorischen Syndrom und Fibromyalgie durch selektive Serotonin Wiederaufnahmehemmer.

Dabei erheben sich auch zweifelnde Stimmen. Zum einen wird die Wirksamkeit des Medikaments mittlerweile sehr unterschiedlich beurteilt, zum anderen gibt es Hinweise auf gesteigerte Suizidalität durch den Einsatz von SSRI.
Es gilt als nicht hinreichend erforscht, welche Folgen die Herabregulierung der Serotonin-(5-HT2)-Rezeptoren im Zentralnervensystem sowie die lange Verweildauer der Botenstoffe im synaptischen Spalt für Psyche und Physis des Menschen zusätzlich hervorrufen.

Die im Folgenden charakterisierten verschreibungspflichtigen Medikamente gehören zur Gruppe selektive Serotonin Wiederaufnahmehemmer und werden eingesetzt bei Depression, Zwangsstörungen, Phobien und Panikattacken, bei der Borderline-Störung und der Posttraumatischen Belastungsstörung. Obwohl sie im Aufbau starke Unterschiede aufweisen, stimmen sie in ihrer typischen Wirkungsweise weitgehend überein. Am bekanntesten ist der selektive Serotonin Wiederaufnahmehemmer Citalopram, weitere häufig eingesetzte SSRI sind Paroxetin, Sertralin und Fluoxetin.

 

Nebenwirkung dieser Medikamente

Im Allgemeinen sind die Nebenwirkungen der SSRI wie Müdigkeit, Schwindel, sexuelle Unlust und Mundtrockenheit oder Schwitzen geringer als bei den früheren, sogenannten trizyklischen Antidepressiva. Letztere greifen anders als selektive Serotonin Wiederaufnahmehemmer in zahlreiche Wirkungsmechanismen des Gehirns ein, beispielsweise in den Noradrenalinstoffwechsel. Trizyklischen Antidepressiva sind daher schwer steuerbar und weisen viele unerwünschte Begleiterscheinungen auf. Dazu gehören niedriger Blutdruck, Herzrasen, Mundtrockenheit, Sehstörungen und Grüner Star-Anfälle. Diese Nebenwirkungen werden bei den gezielt an der Serotoninwirkung ansetzenden selektiven Wiederaufnahmehemmern als deutlich gemindert erlebt. Werden selektive Serotonin Wiederaufnahmehemmer verwendet, ist zudem weniger mit einer Gewichtszunahme zu rechnen, da sie die Histaminrezeptoren nicht so stark blocken.

Häufig verschriebene Selektive Serotonin Wiederaufnahmehemmer:

Citalopram
Ein Vorzug von Citalopram ist, dass bei dessen Abbau das Leberenzym Cytochrom-P450 nicht so stark blockiert wird. Diese Enzyme spielen eine wichtige Rolle beim Abbau von Medikamenten und vermindern die Gefahr einer Medikamentenvergiftung.
Der selektive Serotonin Wiederaufnahmehemmer Citalopram kann Nebenwirkungen hervorrufen wie Übelkeit und Erbrechen, zudem wird von Schlaflosigkeit und Kopfschmerzen berichtet. Manchmal kann die Einnahme zu innerer Unruhe und Schwindelgefühlen führen. Ejakulationsstörungen kommen vereinzelt vor.

Paroxetin
Bei der Einnahme von Paroxetin müssen über die bereits genannten Nebenwirkungen hinaus sexuelle Funktionsstörungen in Kauf genommen werden, außerdem kann Übelkeit auftreten.

Sertralin
Sertralin ist ein weiterer Wirkstoff aus der Gruppe der selektiven Serotonin Wiederaufnahmehemmer. Sertralin als auch Citalopram gelten hinsichtlich möglicher Wechselwirkungen mit weiteren Medikamenten als gut verträglich innerhalb der Gruppe der SSRI.

Fluoxetin
Der Arzneistoff Fluoxetin wirkt ähnlich wie Citalopram. Eine Besonderheit ist, dass er im Falle einer Diabetes Unterzuckerung auslösen kann. Für Diabetiker gilt daher bei Einnahme von Fluoxetin eine regelmäßige Kontrolle des Blutzuckerspiegels sowie die Abstimmung mit den Diabetes Medikamenten vornehmen zu lassen.

Allerdings schlägt der gewünschte antriebssteigernde Effekt der SSRI bei manchen Patienten während der ersten Einnahmezeit um in eine extreme innere Unruhe bis hin zu starken Ängsten. Dieses Phänomen resultiert aus dem Fakt, dass zwar die antriebsteigernde Wirkung bereits zu Beginn der Behandlung einsetzt, die Verringerung der Depression hingegen erst nach ca. zwei bis drei Wochen spürbar wird. Wenn die Antriebssteigerung sich nun auf die zunächst noch vollumfänglich vorhandenen depressiven Verstimmungen richtet, kann das zu einer erhöhten Suizidgefährdung führen. Daher müssen Einnahme und Dosierung eines Medikaments aus der Gruppe der SSRI engmaschig ärztlich überwacht werden.


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