veröffentlicht am 8. Dezember 2013 in Erfahrungsberichte Depression von

Ich hoffe es stört dich nicht, das ich dich duze?! Ich würde dir für deinen Blog gerne meine Erfahrungen per Bits&Bytes zukommen lassen, sofern du meinen Beitrag für teilenswert hältst.

Zur allgemeinen Erklärung, ich litt selbst unter Depressionen, nahm jahrelang Psychopharmaka ( Xanor, Dominal, Citalopram und das alles in sehr hohen Dosen). Als ehemals Selbstbetroffene kann ich durchaus die Gefühle, Gedanken und Ängste nachvollziehen, mehr als mir manchmal lieb ist.
Ich will aber nicht die Erfahrung meiner Erkrankung hier teilen, sondern die als Angehörige.

Man liest allerorts über die Erkrankung Depression, findet an jeder Ecke sogenannte “Selbsthilfebücher” und Leitfäden für Angehörige damit sie auch ja den richtigen Umgang mit ihren leidgeprüften Angehörigen an den Tag legen.
Nun frage ich aber vielleicht auch überspitzt- Und wo bleibe ich?

Bevor ich auf den Grund dieser Frage zu sprechen komme, muss ich aber etwas weiter ausholen.
Ich lernte meinen Mann, Lebensmenschen, Seelenzwilling, besten Freund und was für wundervolle Atribute es für diesen Mann noch gäbe, vor 5 Jahren kennen und lieben.
Zwischen uns lagen fast 1000km Entfernung, und eine Erkrankung namens Burnout die er erst einmal abstritt.
Als “alter Hase” in psychischen Befindlichkeiten, oder besser Unbefindlichkeiten, wusste ich es aber, das es so war. Und schleppend gestand es sich auch er zu. Eine Odysee begann bis er einen Therapieplatz fand. Mit Selbstmordabsichten von ihm wurde ich mehr als einmal konfrontiert und ich hatte nicht mehr Mittel als meine Liebe, meine Stimme am Telefon und meine Worte die ihn davon abhalten sollten ( und es Gott sei Dank auch taten) sich vor den heran brausenden ICE zu werfen.
Er kam dann endlich nach langen 6 Monaten des wartens in stationäre Behandlung, wo ich ihn nach 6 Wochen Therapie abholte und zu mir holte.
Sein Leben änderte sich radikal. Von seinem einstigen Beruf als Diplom Bauingenieur löste er sich und machte sich in einer ganz anderen Sparte Selbstständig.
Neuer Beruf in einem neuen Land, neue Frau, also mich, denn wir heirateten. Und es schien erst, als würde er wieder “Land gewinnen”.
Wir waren/sind eine richtige Symbiose, uns findet man nur im Doppelpack und unsere Liebe wuchs diese 5 Jahre beständig und tut es noch. Bis……

Sein psychischer Zustand glich einem Hochseeschiff. Mal tümpelte er ruhig vor sich hin, mal toste es in ihm, ohne das er es zeigen wollte. Aber mir konnte er nichts vormachen, damals nicht, und heute noch weniger.
Mir fiel schon auf das er arbeiten, von denen ich ihn bat das er sie für mich erledigen sollte, nicht erledigte. Ich drängte ihn aber auch nicht, dachte er würde es schon machen und so gab es auch nie ein Zeitfenster.
An manchen Tagen war es mir dann schon auch zuviel wenn ich nach einem 10 Stunden Tag nach Hause kam ( 8 Stunden Job, Rest Hin und Rückfahrt) und es war wieder nichts geschehen. Aber ich sah darüber hinweg und erledigte manches von den Aufträgen dann auch Selbst.
Und ich verschloss die Augen und Ohren vor dem was ich nicht wahrhaben wollte, und auch nicht mehr konnte.
Mein Mann hingegen wollte für mich stark sein, um mir der Mann zu sein, von dem er dachte das ich genau diesen brauche.
Er zog sich mehr und mehr zurück, weil ihn all das überforderte. Und dieser Rückzug war subtil, seine Mauer die er so gerne um sich aufbaute und die ich immer wieder versuchen musste zu durchbrechen. Eigentlich bin ich die Einzige die das schafft. Ob ich stolz darauf bin? Mitnichten, denn ich wünschte mir für ihn, das er ohne diese Mauer leben könnte. Es wäre weniger kraftraubend für ihn, als auch für mich. Unserer Liebe tat dies keinen Abbruch und wird es auch im Leben nicht tun.
Viele, teils schlimme Ereignisse brachen über uns herein. Eines sei nur hervor gehoben- der Selbstmordversuch meiner 20jährigen Tochter. Unter mir tat sich in dieser Zeit eine große, reißerische Kluft auf. Und ein Teil von mir erstarrte, obwohl ich mir diese Starre gar nicht leisten konnte. Ich war und bin der Pfeiler in unserer Familie, als auch der Ernährer. Schwäche war nicht erlaubt, erlaubte ich mir nicht. Ich musste stark sein für meine Töchter, jetzt mehr denn je.

Ich kämpfte um und für meine Lieben und es kehrte wieder so etwas wie Normalität ein, oder das was ich dafür hielt.
Bis ich meinem Mann sagen musste er möge sich bitte Hilfe holen, denn ich könnte ihn nicht mehr auffangen- in seiner Traurigkeit nicht, soviel Tränen hatte ich gar nicht die ich hätte für ihn weinen müssen, in seinem Desinteresse allem gegenüber nicht. Ich wusste da bereits das er eine Depression hatte, oder besser ahnte es.
Täglich, wenn ich zur Arbeit fuhr rang ich ihm das Versprechen ab sich nichts anzutun. Und er versprach es mir, unter der Abnahme des Versprechens meinerseits, das ich ihn nicht verlassen würde. Welch ein Gedanke! Ich liebe ihn mehr als ich es ausdrücken könnte, ich war weit entfernt von solchem Vorhaben, auch wenn meine Gedanken auf Flucht standen, denn ich brauchte mal Luft. Der Spagat zwischen für die Familie da sein, Haushalt, alle Entscheidungen alleine treffen, finanziell alle abzusichern und dem Job laugte mich aus. Dazu kam dann diese schleichende Angst um meinen Mann.
Ihn jeden Tag alleine zu lassen brachte mich fast um den Verstand. Und so kam eben meine Bitte an ihn, sich Hilfe zu holen.
Wir gingen gemeinsam zu seinem betreuenden Arzt.

Zu ahnen das der Mensch den man über alles liebt mit dem Gedanken spielt sich etwas anzutun ist eine Sache, es aus dem Mund des geliebten Menschen zu hören eine ganz andere.
Als ihn der Arzt fragte ob er Selbstmordgedanken hege und mein geliebter Mann bejahte, tat sich erneut diese reißerische Kluft unter mir auf. Ich dachte selbst sterben zu müssen bei seinen Worten. Aber ich verbarg noch was in mir tobte.
Der Selbstmordversuch meiner Tochter wurde wieder präsent, mit all den hilflosen Gefühlen die einem erdrücken.
In mir war eine so unverstellbare Leere, so als hätte man alles Leben aus mir gesaugt. Aber wieder musste ich stark sein- er war krank und brauchte Hilfe, die er auch annahm. Er musste am nächsten Tag in die psychiatrische Klinik.

Auf dem Weg nach Hause tobte ein Sturm in mir sondergleichen. Es ist erst einige Tage her, also Anfang Dezember, und ich öffnete meine Winterjacke, riss mir meinen Schal vom Hals weil mir alles zu eng wurde. Ich hatte das Gefühl ersticken zu müssen, bekam keine Luft mehr, wollte weg, nur weg, dabei wollte ich aber auch nur eines, für meinen Mann da sein, ihn stützen. Doch diese Angst, sie umklammerte mich, raubte mir den Atem bis ich mich auf eine Mauerbank setzte und zu weinen, nein ausstossen, schluchzen begann. Erst dann löste sich dieser Panzer um meine Brust und ich konnte wieder durchatmen.

Nun ist mein Mann in der Klinik. Erneut pumpt man ihn mit Psychopharmaka voll, so das kaum noch der Mensch, so wie ich ihn kenne, vorhanden ist. Ich weiß, es ist jetzt von Nöten, aber alleine das Wissen darum macht den Anblick nicht erträglicher.
Dazu kommt der zusätzliche Stress der täglichen Krankenhausbesuchen, neben meinem Job, Hunden, Haushalt, Kinder die mich brauchen auch wenn sie erwachsen sind.
Die guten Tipps im Sinne von- schau auf dich- kann ich schon nicht mehr hören. Wie soll ich das? Wie kann ich meine Gefühle abkoppeln, wenn ich auf mich schau, indem ich einmal nicht ins Krankenhaus fahre, wo ih doch weiß das mein Mann auf mich wartet, sehnsüchtig wartet? Ich liebe und vermisse ihn jede Sekunde und weiß schon nicht mehr wo ich zuerst sein soll. Und nun meine Frage- Und wo bleibe ich? Wenn sich wiedermal alle nach meinem Mann erkundigen, was ich begrüsse… ich wünsche niemandem an Depressionen zu erkranken, aber noch weniger wünsche ich jemandem hilflos daneben stehen zu müssen, wenn es den Menschen trifft den man so sehr liebt!


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Ein Kommentar

Ich weiß nicht, ob du das liest. Versuche es dennoch.
Ich bin selber depressiv und meinem Mann ergeht es ähnlich wie dir. Deswegen habe ich immer versucht (und tue es noch), für ihn da zu sein (wie es eben möglich ist) und seine Sichtweise zu sehen. Ja das ist sehr schwer, vor allem, wenn man wieder in seiner Trauer gefangen ist. Wir sind gemeinsam zu unserem Arzt und haben mit ihm darüber gesprochen. Er hat sich um Hilfe für ihn gekümmert.
Und genau das ist mein Rat an dich: Geh zu deinem Arzt und rede mit ihm. Er kann dir helfen und es gibt Hilfen für dich! Du bist nicht alleine und bei allem was du erlebt hast und gerade erlebst, benötigst du jemanden, der für dich da ist und dir zuhört.
Wir reden mit unseren engsten Freunden über meine Krankheit. So verstehen sie, warum es bei mir eben so ist, wie es ist. Sie verstehen aber auch, wenn mein Mann mal nicht so kann, wie er es sonst kann. Und das macht vielles leichter.
Ich wünsche dir und deinem Mann alles Gute und hoffe, dass auch du die Kraft hast, dir Hilfe zu holen.