veröffentlicht am 29. Juli 2016 in Depressive Gedanken und Gefühle von

An das Bett gefesselt

Es sind diese Tage an denen man einfach nicht aus dem Bett kommt. Es scheint als wären die Handgelenke und Beine am Bett fixiert, sodass eine Bewegung unmöglich erscheint. Es stört nicht, dass es draußen immer heller wird und der Tag immer weiter voran schreitet. Ehrlich gesagt, nimmt man es gar nicht war. Die Stunden vergehen und man liegt regungslos da. Der gesamte Organismus fährt runter. Der Appetit verschwindet und man verspürt keinen Durst. Die ausgetrockneten Lippen zeigen einem zwar an das der Körper Flüssigkeit braucht, doch es ist, als wenn man es nicht wahrnimmt. Man ist umhüllt von einer lethargisch negativen Gedankenwelt. Die immer wieder neue Fragen oder Gedanken aufwirft und einen somit immer weiter in diesen Strudel zieht. Zwischendurch schläft man. Wenigstens dann verstummen die Gedanken. Es tut gut, einfach mal nicht zu denken. Es ist Pause im Kopf. Doch wird man wach, beginnt es von vorne.

Wenn der Fernseher läuft während man im Bett liegt bekommt man von dem was dort erzählt wird nichts mit. Es läuft an einem vorbei. Genau wie der ganze Tag und ein Großteil des Lebens. Die Augen und Ohren nehmen war das dort etwas ist, dass, etwas passiert, aber mein Gehirn kann es in diesen Phasen nicht verwerten. Das gezeigte und gesprochene zieht einfach vorüber. Diese Situation ist genau wie so viele andere auch, schwierig in Worte zu fassen. Es geschieht einfach. Leider passiert dies zu oft im Leben und gerade in diesen Phasen, in denen ich, wie an mein Bett gefesselt bin. Dabei gäbe es so viel zu erledigen. Ich müsste zur Arbeit gehen, die Wäsche hinstellen, den in die Höhe gestapelten Abwasch der letzten Tage erledigen und die eigene Hygiene fördern, indem ich mich wasche und mir etwas Sauberes anziehe. Doch all das scheint einem egal. Es würde zu viel Kraft kosten und doch nichts an der allgemeinen Situation ändern.

Je später der Tag wird und je länger man liegt, desto trüber und dunkler werden die Gedanken. Viele werden sich jetzt denken, ein verändern dieser schlimmen Situation könnte doch so einfach sein. Man müsste nur aufstehen und versuchen seinen Tagesablauf nachzugehen. Es kann doch nicht so schwer sein aufzustehen. Doch genau das ist es. Obwohl man weiß, dass man Verpflichtungen hat, fehlt einem die Kraft und vielleicht auch der Mut um die Hindernisse und Hürden eines ganz normalen Alltags anzugehen. Es ist ja keinesfalls so, dass man nicht möchte. Vielmehr kann man einfach nicht. Man ist seinem Leben in diesen Situationen nicht mehr gewachsen. Von Zeit zu Zeit tauchen aus dem Gedankenwirrwahr Fragen in meiner Wahrnehmung auf. Woran liegt es, ist es der Job der mir nicht gefällt? Was ist mit mir los? Wie soll das weitergehen? Welche Veränderung in meinem Leben hilft mir aus dieser Miesere heraus? Werde ich es jemals schaffen? Ich stelle fest, dass dies alles Fragen sind, auf die es so schnell keine Antwort gibt. Doch bevor ich mich tiefer mit diesen Fragen beschäftigen kann, tauchen schon wieder neue Fragen auf die es zu bewältigen gilt. Man verstrickt sich immer mehr in negative Gedankengänge. Immer wieder tauchen zwischendurch Fragen auf wie, was sagt wohl mein Arbeitgeber, wie schaffe ich es zum Arzt zu kommen, wann habe ich die Kraft aufzustehen oder wer kann mir helfen? Man wird geflutet mit Fragen und Gedanken und man durchdenkt alles und jede Konstellation, bis sich wieder neue Gedanken auftun. Dabei vergeht Stunde um Stunde. Bis der Tag letztendlich vorüber ist.

Für Menschen die nicht psychisch krank sind ist es überhaupt kein Problem ihren täglichen Aufgaben nachzugehen und das eigene Leben zu leben. Natürlich gibt es auch immer wieder Tage an denen es keinem leicht fällt zur Arbeit zu gehen oder an denen man schwer aus dem Bett kommt. Auch nehmen gesunde Menschen, nicht jede Hürde des Alltags mit Leichtigkeit. All das ist vollkommen klar. Doch ich denke, Menschen die nicht von diesen dunklen oder schweren Gedanken und Gefühlen geplagt sind haben mehr Energie, sind kraftvoller und positiver gestimmt. Dies gibt ihnen den Mut und die Entschlossenheit um neue Tage anzugehen.

Kennt ihr das von mir geschilderte Szenario? Wie geht ihr damit um und was habt ihr für Tipps? Schreibt mir eure Erfahrungen in das Kommentarfeld, so können wir möglichst viele Informationen sammeln.


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8 Kommentare

Ich kenne dieses Szenario nur zu gut. Einen richtigen weg damit umzugehen habe ich noch nicht gefunden, aber was mir manchmal -wenn die Motivation stimmt- hilft. Ist mir am Abend zuvor eine kleine Liste zu schreiben mit Dingen die ich schaffen möchte. Wenn es nur duschen oder Frühstücken ist. Das abhacken und steigt auch schon die Motivation. Es klappt leider nicht immer, manchmal ist selbst das zu viel 🙁

Ja, ich kenne dieses Problem auch, wenn auch zum Glück in dieser extremen Form nur ansatzweise. Bei mir war es damals in meiner akuten Phase im Herbst 2013 so, daß ich tageweise nur extrem schwer aus dem Bett hochgekommen bin. Dank Frau und Kind gab es meistens irgendein “muss”, weswegen ich mich dann doch früher oder später hochgekämpft habe – aber es war wirklich ein Kampf. Kaum war das Geforderte dann erledigt – Kind in der Kita, Wäsche in der Waschmaschine, zog mich das Bett meist schon wieder wie ein Magnet an. Und dann liegt man da, grübelt, döst ne Stunde, wacht wieder auf, hat Angst in den Gliedern, versucht sich zu beruhigen, dämmert vor sich hin, will eigentlich aufstehen, aber wozu…

Irgendwann hab ich allerdings erkannt, daß es mir ab Mittag in der Regel besser geht, ab Nachmittag meist recht gut bis „normal“. Diese Erkenntnis hat mir geholfen, mich immer früher und früher rauszukämpfen bzw. mich nicht mehr hinzulegen. Klar – Medis und ne ganzheitliche Besserung über Tage, Wochen und Monate hinweg haben da auch geholfen, keine Frage. Aber ganz im Sinne der kognitiven Verhaltenstherapie habe ich mir mehr und mehr vor Augen gehalten, daß ich meine Zeit im Bett nur verplempere und außerhalb des Bettes sinnvolleres und motivierenderes tun kann. “Aber das ist alles so viel”; “das schaffe ich alles nicht” – waren so halbautomatische, halbbewußte Gedanken, die dann hochkamen. “Doch, das kann ich – nur eben gaaanz langsam und in Ruhe! Und wenn ich nicht alles schaffe, ist das auch nicht schlimm; Hauptsache, ich stehe erstmal auf, und dann eins nach dem anderen. Gaaanz langsam.”

Mittlerweile habe ich das Problem größtenteils im Griff; zumindest gibt es keine Tage mehr, die ich komplett im Bett verbringe.
Ich komme morgens allerdings nach wie vor nur relativ zäh aus den Federn und hoch. Vor der Depression war 6 Uhr aufstehen für mich kein großes Thema; der Wecker hat um 5h45 geklingelt, zweimal Snooze, aufgestanden – fertig.
Heute klingelt der Wecker immer noch um 5h45, aber es dauert teilweise bis 6h30, bevor ich endlich den A**** hochbekomme… :-/
Bis ich dann endlich aus dem Haus bin, ist die Verlockung mehr als einmal gegeben, mich einfach nochmal für 5 Minuten auszustrecken…
Wochenends und im Urlaub ist es nicht sehr viel besser – zwischen dem ersten Aufwachen und dem tatsächlichen Aufstehen vergehen gut und gern schonmal 45-60 Minuten, in denen ich mich die meiste Zeit alles andere als wohl fühle. An diesen freien Tagen gönne ich mir normalerweise auch immer eine Stunde Mittagsschlaf irgendwann zwischen 14 und 16 Uhr – den habe ich eigentlich schon seit Uni-Zeiten genossen, aber mittlerweile stelle ich fest, daß ich ihn regelrecht brauche und mich danach dann wieder halbwegs erholt und unternehmenslustig(er) fühle. Dank Kind ist nach rund ner Stunde dann auch Schluß und ich muß aufstehen (“Papa, spielen wir was zusammen?”) 😉

Weiterhin helfen mir mittlerweile die Einsicht, Erkenntnis und der Wille, daß ich schlichtweg nicht den Tag geschweige denn den Rest meines Lebens überwiegend im Bett verbringen möchte. Ja, meine Depression und meine Angststörung stellen ein gewisses Handicap für mich dar, und die ersten Schritte und Stunden des Tages sind mitunter ziemlich anstrengend. Gestern und heute zum Beispiel – ich sitze im Büro, bin aber müde und demotiviert… am liebsten würde ich mich irgendwohin zurückziehen, die Augen zumachen und Kraft tanken. Geht natürlich nicht ohne weiteres.
Aber ich habe die Erfahrung gemacht und weiß, daß es mir im Tagesverlauf immer besser und besser geht und ich die Dinge dann nach und nach auch mehr genießen kann. Da machen dann auch die Hobbies wieder mehr Spaß (mal mehr, mal weniger), und die bewußte Bestätigung, daß die Erledigung diverser Arbeiten sinnvoll war, freut mich dann auch irgendwo und motiviert mich etwas (mal mehr, mal weniger).
Ätzend nur, daß der wiedergewonnene Elan des Nachmittags und Abends am nächsten Morgen häufig erstmal wieder verflogen ist… Täglich grüßt das Murmeltier 😉

Umso mehr halte ich mir dann vor Augen, daß es zwar ein langer und steiniger Weg ist, aber einer, der sich lohnt – vorausgesetzt, ich stehe auf 🙂

Oh ja, solche Tage kenne ich auch. Während des Studiums habe ich wochenlang nur das allernötigste geschafft, aber Vorlesungen waren in den dunklen Phasen undenkbar. Viele Phasen habe ich mit Süchten kompensiert – ein Wahnsinn im Nachhinein: Nach außen hin funktionierend, abends daheim in einer anderen Welt, mich wieder aufrappelnd für den nächsten Arbeitstag.
Die Depressionen wurden erst 18 Jahre nach dem ersten Auftreten diagnostiziert und dank Therapien und eingeweihten Freundinnen kann ich jetzt um Hilfe rufen, wenn es soweit ist. Das ist für mich wahrscheinlich das Wichtigste: Ich merke jetzt, wenn die Depression an der Seele zieht und habe Worte dafür. Das hatte ich lange nicht und fühlte mich immer wie ein Monster.

Hallo,

dass zeigt mal wieder, dass es besser werden kann. Sehr, sehr wichtig, sich dies und die kommenden Verbesserungen immer wieder vor Augen zu führen.

Danke für deinen Kommentar, viele Grüße und ganz viel Kraft!

Dennis

Mir geht es jetzt gerade genauso, ich bin sehr früh wach, stehe aber nicht auf. Ab und zu versende ich eine Nachricht an die Aussenwelt, am Telefon lüge ich, raus gehen kann ich nicht mehr. Meine Therapeutin hat keine Kapazitäten mehr frei und ich warte darauf, dass mich mein Chaos erschlägt.

Gerade bin ich wieder in so einer Phase. Venlafaxin lässt es besser werden, denke ich. Obendrein habe ich in 4 Wochen einen neuen Job in einer 250 km entfernten Stadt angenommen. Mein Freund lebt in dieser Stadt. Ich freue mich sehr auf die neue Arbeit, weiss im Moment allerdings nicht, wie ich überhaupt wieder zurück in den Alltag kommen soll. Es macht mich stolz, wenn ich mich mal wasche und mir tatsächlich was koche. Die wichtigen Erledigungen schiebe ich nur auf. Vor Kontakten scheue ich mich und durch meine Wohnung kann ich nur stelzen. Es ist alles verrammelt und schmutzig. Ich warte auf die Heinzelmänchen, die entweder einfach nur hier bei mir sind, meinetwegen es sich virm Fernseher bequem machen, Hauotsache sie sind da, weil mich das zum Aufstehen motiviert oder sie holen mich ab und bringen mich in eine Klinik, die mich bitte nie wieder entlässt. Mit meiner Lebensunlust und meiner Lebensunfähigkeit führe ich mich selbst in den Abgrund und am liebsten wäre mir, das mein Leben vorbei wäre, halt einfach Ende.

habe gerade wieder so eine depressive phase.gestern u heute fast nur im bett.obwohl ja sommer ist.meistens achte ich in diesen phasen drauf,dass ich zumindenstens 1 bisschen gymnastik,yoga mache.aber an einigen tagen schlaf ich nur.warte grad drauf,dass die neuen anti-depressiva wirken.
das bett habe ich vor kurzem frisch bezogen.lasse mich auch nicht komplett gehen.empfinde mich nicht”ans bett gefesselt”sondern es ist eine flucht vor dem leben.motivationslosigkeit.bis jetzt ist es immer wieder weggegangen. obwohl es mir jetzt grad so scheint,als ob “mein leben vorbei”wär.aber ich weiss,dass das nur die negativen gedanken sind.

Geliebt und gehasst zugleich. Dieses Szenario ist mir bekannt, sehr gut bekannt. Seit meinem 13. Lebensjahr habe ich immer wieder depressive Episoden, kombiniert mit anderen Erkrankungen. Heute bin ich 26 und kann damit relativ gut umgehen. Es holt mich nicht mehr in dem Maße ein, wie es das vor 13 Jahren tat. Ich weiss heute besser damit umzugehen. Depressive Phasen sind sehr selten geworden. Trotzdem gibt es sie, nach wie vor. Besonders am Wochenende, wenn ich mal etwas Freizeit haben könnte holt es mich meistens ein. Ich spüre dann oft schon den drückenden Kopfschmerz wenn ich merke, dass ich etwas Abstand vom Job erlange. Als hätte ich die ganze Woche funktioniert und wenn ich dies dann nicht mehr muss, breche ich fast zusammen. Ich bin erschöpft, kraftlos und würde am Liebsten nur noch liegen und noch lieber überhaupt nichts mehr mitbekommen, mich völlig ausklinken. Mein Freund hat dann natürlich auch nichts von mir. Ich bin unausstehlich zu ihm. Er hat bis zu einem gewissen Punkt Verständnis. Wenn ich aber höre, dass ich jetzt doch nur aufstehen müsse und dann würde es schon gehen, ruft es mir immer wieder in Erinnerung, dass jemand der so etwas noch nie durchlebt hat, diese Gefühle und deren Intensität nie richtig verstehen wird. Es ist nicht einfach. Es ist die Hölle. Einfach mal aufraffen, schön wärs… dennoch geht das. Es ist hart, verdammt hart. Heute ist leider auch wieder solch ein Tag. Noch nichts geschafft, noch nicht mal mich zu richten…. so heftig wie heute war es schon lange nicht mehr. Irgendwie scheint es aber so, als würde mir das Schreiben hier helfen die Dinge klarer zu sehen. Nun nochmal zum Anfang, geliebt und gehasst zugleich. Diese Phasen bei mir begreife ich auch als eine Art Schutz, Schutz vor noch mehr unangenehmen Gefühlen, vor Konfrontation usw. Eine Therapeutin sagte einmal zu mir, ich solle meinen “gesunden Ausweis” zeigen, ich würde den “kranken Ausweis” jetzt nicht mehr brauchen. Es ist natürlich auch bequem sich im Bekannten auszuruhen und sich dem Schicksal zu ergeben. Klar sind Depressionen u.ä. alles andere als angenehm, aber vllt. immerhin noch ein bisschen “sicherer” als sich einfach versuchen durchzukämpfen. Man weiss nicht was einen erwartet, ob man den Anforderungen standhält. Man ist sich fast sicher es nicht zu schaffen. Aber das gaukelt einem die Depressionen nur vor, so war es und so wird es immer sein, sagt sie, du entkommst mir nicht. Leider ist sie oftmals so überzeugend, dass wir tatsächlich resignieren. Doch soll es das gewesen sein, wollen wir uns wirklich geschlagen geben? Von etwas, das man noch nicht einmal sehen kann. Ganz gewiss nicht! Wir können die Krankheit beherrschen und nicht mehr umgekehrt! Es geht! Ich gehe jetzt erstmal duschen, auch wenn es bereits fast 21:00 ist, ich gebe nicht auf, ich schaffe es wenigstens noch etwas zu tun. Man hat es selbst in der Hand. Jeder trät eine ungeahnte Kraft in sich. Lasst sie uns zeigen!